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Die Oberschicht kippt Richtung Putin.

7.03. 2022

Selbst in der international geprägten, Putin-kritischen Oberschicht ändert sich die Stimmung rasant. Das Misstrauen gegenüber dem Westen ist zurück, der „Kalte-Krieg-Reflex“ reaktiviert.

Neben das Entsetzen, die Ablehnung, die Scham über Putins Krieg tritt immer stärker der Zweifel an Intention und Verhältnismäßigkeit der massiven Sanktionen gegen die einfache russische Bevölkerung. Selbst seit Jahrzehnten international arbeitende und reisende russische Freunde und Bekannte glauben mittlerweile, dass der Westen, voran die USA, den Krieg als Vorwand nutzen, um Russland und die russische Wirtschaft zurückzuwerfen und „zu zerstören“, aus rein ökonomischem Interesse. Umfang und Umsetzungsgeschwindigkeit der Sanktionen erzeugen selbst bei ihnen den Eindruck einer sorgfältigen gemeinsamen Planung, in der breiten Bevölkerung erst recht. Es geht das Gerücht, amerikanische Unternehmen würden die gefallenen Aktienkurse von Gazprom etc. nutzen, um billig einzusteigen und so Kontrolle über die russische Wirtschaft zu gewinnen. (Prof. Hüther vom DIW empfahl das später leider wirklich.) Meine Freundin berichtet, dass dieses Bedrohungsgefühl die Menschen in Solidarität mit Putin treibt. Soll ich ihr schreiben, dass es unser Ziel ist, das Lebensniveau in Russland so drastisch abzusenken, dass die Menschen ihre Angst vor dem Unterdrückungsstaat überwinden und Putin stürzen? Wohl kaum. Nicht nur, dass das russische Volk in seiner Geschichte schon immer extrem leidensfähig gewesen ist, ihm fehlt hier der volle Kontext. In Russland gibt es keinen direkten Zugang zu wahren Informationen über den Krieg. Unsere Freunde wissen natürlich, dass ihre Medien Propaganda und nur eingeschränkte Informationen liefern, aber es ist die einzige Quelle. Uns aus dem Westen wird mittlerweile nicht mehr geglaubt, weil zu unglaublich ist, was wir aus der Ukraine schildern. Und weil unseren Medien die gleiche Propaganda-Logik unterstellt wird wie den eigenen.
Wenn selbst die Eliten Putin nicht als Ursache und Hebel für ein Ende der Sanktionen ansehen, wird die gewünschte Mechanik nicht greifen. Sondern das Gegenteil erreicht. 

Heike Adam ist Jahrgang 1970, in Ostberlin aufgewachsen, hat ab 1990 an der Humboldt-Universität zu Berlin BWL studiert und ihr Leben bisher je zur Hälfte in Ost und West verbracht. Russland und die Ukraine hat sie bereits als Jugendliche erstmals besucht und ist beiden Völkern durch berufliche und persönliche Kontakte und Erfahrungen sehr verbunden, steht aktuell mit russischen Freunden in engem Kontakt.
Über 50 Länder auf allen Kontinenten hat sie privat und beruflich bereist, war bei Krisen vor Ort, spricht 5 Sprachen, u.a. Russisch. Sie hat hautnah erlebt, wie Menschen in verschiedenen Systemen und Kulturen agieren, durch das Leben in der DDR und ihr soziales Engagement weiß sie um Denken, Empfinden und Verhalten von Menschen in der Breite der Gesellschaft. Heute unterstützt sie Unternehmen und Organisationen in Krisen darin, gezielt die Perspektive zu wechseln, zu 100% aus Kunden- bzw. Betroffenensicht zu schauen. discovering-potential.com

Heike Adam

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