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Die Kritik an der EZB ist nicht zielführend.

10.06. 2022

DIW-Chef Marcel Fratzscher kritisiert die #EZB-Ankündigung vom 9. Juni zu ersten Zinsanhebungen als too little, too late. Ich sehe das anders – aus 2 Gründen:
1. Zinssteigerungen beenden nachfragegetriebene Inflationen; sie brechen den Überhitzungskreislauf. Die aktuelle Inflation ist mangelinduziert, eine Angebotskrise. Die Preise steigen nicht, weil wir mehr heizen oder essen, sondern im Wettbewerb um zu knappe Mengen. Werden wir bei höheren Zinsen weniger essen und heizen, um mehr zu sparen? Nur ein großes Mehrangebot an Energie und Nahrung aus neuen Quellen senkt deren Preise. Dafür bedarf es massiver Investitionen in neue Verfahren, Standorte, Lieferketten. Steigende Zinsen behindern das, die Preise sinken langsamer.

2. Herr Fratzscher argumentiert mit der Glaubwürdigkeit der EZB. Doch aktuelle Forschung zeigt: Die Zentralbanken erreichen und beeinflussen mit ihren Ankündigungen und Aktionen nur Experten, die real Handelnden, Unternehmen und Konsumenten, nicht. Das Konzept des Glaubens an die Währungshüter als die Steuernden, die das Schiff auf Kurs halten, findet in der Realität keine Entsprechung. Menschen lassen sich von ihren aktuellen Erlebnissen, Glaubensbildern, Weltanschauungen leiten, nicht vom Vertrauen in eine Experteninstanz. Steigende Zinsen werden individuelles Investitions- und Konsumverhalten beeinflussen, aber die generelle Einschätzung der Entwicklung nicht. 

Ja, die Zinsanhebungen können indirekt den Kurs des Euro stärken, damit Importe von Energie verbilligen, die Inflationsrate senken. Doch Währungskursschwankungen sind multikausal, speziell in geopolitischen Krisenzeiten.

Die Kritik an der EZB basiert auf den Empfehlungen für einen anderen Inflationstyp als den, den wir erleben, und überschätzt deren Einfluss auf das Handeln der Akteure. Damit ist sie nicht hilfreich, wenn nicht sogar kontraproduktiv.

 

Heike Adam

Heike Adam

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